Der Bausektor als Vorbild: Wie Kreislaufwirtschaft gelingen kann

Der Bausektor setzt neue Maßstäbe in der Kreislaufwirtschaft. Mit einer Recyclingquote von über 90 % werden natürliche Ressourcen geschont und Umweltbelastungen reduziert. Doch trotz dieses Erfolgs sieht sich die Branche mit politischen Zielkonflikten und Herausforderungen wie der Mantelverordnung konfrontiert.

Der Bausektor steht im Zentrum der Diskussion um nachhaltige Ressourcennutzung – und er zeigt eindrucksvoll, wie Kreislaufwirtschaft funktionieren kann. Mit einer Recyclingquote, die erstmals die Marke von 90 Prozent überschritten hat, setzt die Branche neue Maßstäbe. Doch hinter diesem Erfolg stehen Herausforderungen, die innovative Lösungen und ein Umdenken erfordern.

Über 90 Prozent der mineralischen Bauabfälle erfolgreich recycelt

Der Bausektor hat mit der Verwertung mineralischer Bauabfälle einen Meilenstein erreicht: Erstmals wurden über 90 Prozent der jährlich anfallenden 208 Millionen Tonnen dieser Abfälle einer umweltgerechten Verwertung zugeführt. Dabei liegt die Verwertungsquote bei körnigen Materialien wie Bauschutt und Straßenaufbruch sogar bei beeindruckenden 96 Prozent. Bodenaushub hingegen konnte nur zu knapp 87 Prozent recycelt werden.

Durch die Wiederaufbereitung mineralischer Abfälle zu sogenannten RC-Baustoffen konnte der Bedarf an primären Gesteinskörnungen um 13,3 Prozent reduziert werden. In Kombination mit industriellen Nebenprodukten ergibt sich sogar eine Substitutionsquote von 17,9 Prozent. Dies zeigt eindrucksvoll, wie der Sektor natürliche Ressourcen schont und die Kreislaufwirtschaft vorantreibt.

Dieser Erfolg ist das Ergebnis jahrelanger Bemühungen der Initiative Kreislaufwirtschaft Bau, die seit den 1990er-Jahren Verbände aus Bau-, Baustoff- und Entsorgungswirtschaft zusammenführt, um Recycling zu fördern und Deponien zu entlasten.

Die Initiative Kreislaufwirtschaft Bau: Ein Jahrzehnt der Zusammenarbeit

Die Initiative Kreislaufwirtschaft Bau spielt eine zentrale Rolle bei der erfolgreichen Verwertung mineralischer Bauabfälle. Bereits in den 1990er-Jahren schlossen sich die wichtigsten Verbände der Bau-, Baustoff- und Entsorgungsbranche zusammen, um die Deponierung von Abfällen zu minimieren und umweltgerechte Verwertungsmethoden zu etablieren.

Am 6. Dezember 2024 veröffentlichte die Initiative ihren 14. Monitoring-Bericht, der die Daten von 2022 analysiert. Basierend auf den Zahlen des Statistischen Bundesamts wird deutlich, wie engmaschig die Initiative die Entwicklungen im Bereich der Kreislaufwirtschaft verfolgt und dokumentiert. Die Erfolge sprechen für sich: Rund 188 Millionen Tonnen mineralischer Bauabfälle wurden recycelt – ein neuer Höchstwert.

Durch die Kooperation der beteiligten Branchen hat die Initiative nicht nur Standards für die Verwertung gesetzt, sondern auch das Bewusstsein für die Bedeutung von Recyclingprozessen im Bauwesen geschärft. Dennoch stehen die Verbände vor neuen Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf die politischen Zielsetzungen und geänderten rechtlichen Rahmenbedingungen.

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Kreislaufwirtschaft 2045: Wie der Bausektor zum Schlüsselfaktor wird

Die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie stößt auf Zustimmung, doch es gibt auch kritische Stimmen. Der Bausektor gilt als zentrale Säule, um den Rohstoffverbrauch bis 2045 zu halbieren. Umweltverbände fordern zudem eine Überarbeitung des rechtlichen Rahmens, um den Ressourcenschutz langfristig zu sichern. Divergierende Meinungen zum Plastikrecycling bleiben eine Herausforderung.

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Substitutionsquote und ihre Grenzen im Bausektor

Trotz der beeindruckenden Recyclingquoten im Bausektor sehen sich die Verbände mit unrealistischen politischen Zielsetzungen konfrontiert. Besonders die Forderung, die Substitutionsquote – also den Anteil der recycelten Materialien, die primäre Rohstoffe ersetzen – zu verdoppeln, stößt auf Kritik.

Der Grund: Die Substitutionsquote hängt maßgeblich vom Bedarf an Gesteinskörnungen und dem tatsächlichen Abfallaufkommen ab. Während bereits 17,9 Prozent des Bedarfs durch recycelte Materialien und industrielle Nebenprodukte gedeckt werden, sind die Potenziale für eine weitere Steigerung nahezu ausgeschöpft. Der Sprecher der Initiative, Dr. Berthold Schäfer, erklärt: „Wir können nicht mehr als 100 Prozent der Abfälle verwerten. Zudem wird der Bedarf durch Sanierungen und weniger Neubauten zukünftig sinken.“

Die Zielvorgabe ignoriert die physikalischen und wirtschaftlichen Realitäten des Sektors. Statt sich ausschließlich auf die Substitutionsquote zu konzentrieren, plädieren die Verbände für realistische Maßstäbe, die die tatsächlichen Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft widerspiegeln.

Die Mantelverordnung: Neue Herausforderungen für die Branche

Ein einschneidender Wandel für die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ergibt sich aus der Einführung der bundeseinheitlichen Mantelverordnung. Seit August 2023 ist diese in Kraft und ersetzt den bisherigen Rechtsrahmen der LAGA (Länderarbeitsgemeinschaft Abfall). Doch statt die Kreislaufwirtschaft zu fördern, bringt die neue Verordnung vor allem zusätzliche Bürokratie, höhere Kosten und nicht harmonisierte Grenzwerte mit sich.

Die Änderungen könnten dazu führen, dass die Deponierung von Bauabfällen wieder zunimmt – ein Rückschritt für die bislang erfolgreiche Verwertungsquote. Bereits jetzt warnen die beteiligten Verbände vor den negativen Auswirkungen der Verordnung. Die neue Gesetzeslage macht die Wiederverwertung in vielen Fällen unattraktiver, da komplexere Vorschriften die Kosten für Recycling und Wiederverwendung erhöhen.

Dr. Berthold Schäfer mahnt: „Ambitionierte Ziele im Bereich der Circular Economy sind notwendig, müssen aber realistisch an rechtliche Hürden und den tatsächlichen Bedarf angepasst sein.“ Die Initiative fordert von der Politik mehr Augenmaß, um den Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte nicht zu gefährden.

Realistische Ziele für die Zukunft der Kreislaufwirtschaft

Angesichts der beeindruckenden Fortschritte im Bausektor bleibt die Frage, welche realistischen Ziele für die Kreislaufwirtschaft künftig verfolgt werden sollten. Der Fokus liegt darauf, die erreichten Recyclingquoten zu stabilisieren und den Ressourcenschutz weiter auszubauen, ohne dabei unrealistische Erwartungen zu wecken.

Die politischen Vorgaben, wie die Verdopplung der Substitutionsquote, stehen im Widerspruch zur Realität des Abfallaufkommens und der strukturellen Gegebenheiten im Bausektor. Mit dem zunehmenden Trend zu Sanierungen und Renovierungen anstelle von Neubauten wird das Volumen an mineralischen Abfällen abnehmen. Gleichzeitig bleiben einige Materialien wie Bodenaushub weiterhin schwerer verwertbar.

Die Initiative Kreislaufwirtschaft Bau setzt daher auf eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Potenzialen und Grenzen der Circular Economy. Ein nachhaltiger Fortschritt erfordert realistische Rahmenbedingungen, die sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch sinnvoll sind. Der Bausektor hat gezeigt, wie Kreislaufwirtschaft gelingen kann – jetzt gilt es, diesen Weg langfristig zu sichern.

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